my human story

Shia von Wasteland Rebel hat uns nomminiert und gefragt, was unsere "human story" ist. Ins Leben gerufen hat diese Aktion Finding sustainia mit ihrer Kampagne #iamhuman. Und hier kommt sie nun:

Seit Januar 2016 sind wir zu fünft: Daniel und ich (Stefanie) und unsere drei Kinder Leni, Maxi und Baby Vincent. Vor zwei Jahren haben wir das „Zero Waste Familie“ - Projekt gestartet und wollten herausfinden, ob eine Familie, die auf dem Land lebt, deren Budget begrenzt ist, auch nur annähernd eine Chance hat Zero Waste zu leben. Sprich möglichst keinen Müll zu produzieren, die Rohstoffe zu schonen, damit der Kreislauf geschlossen bleibt. Nach viel Recherche, einigen Rückschlägen, aber vielen Fortschritten, haben wir schließlich unseren Jahresmüll auf ein kleines Gurkenglas reduziert, sowie einen Staubsaugerbeutel mit Bauschutt von der leider notwendigen Badrenovierung.

Auf so eine Idee, kann ja nur ein durchgeknallter Öko kommen? Vielleicht bin ich einer oder doch nicht?

Als Kind wurde in meiner Familie zwar schon darauf geachtet, umweltfreundlich zu leben, obwohl es mangels Internet eigentlich gar nicht so viele Informationen zu dem Thema gab, geschweige denn einen Bioladen. Trotzdem versank ich als Erwachsene später im Konsum(pf). Dabei hatte es anfangs gar nicht danach ausgesehen. Als ich klein war, wurden die Klamotten geflickt, oft auch second hand gekauft und weitervererbt. Zum Einkaufen ging es mit dem Fahrrad, auch wenn es damals kommentiert wurde: „Könnt Ihr Euch kein Auto leisten?“. Doch, es gab ein Auto, aber für Notfälle und Ausnahmen. Zum Bäcker ging es mit dem Jutebeutel, Gemüse gab es von einem der ersten Biolandgärtner in Oberbayern. In der Schule engagierte ich mich fünf Jahre lang für den Pausenverkauf des „Dritte Welt Ladens“, bis es die „Faire Welt Läden“, wie sie dann politisch korrekt umbenannt wurden, als feste Institution in den Städten gab.

Als Daniel und ich uns in der Schule kennenlernten und danach zusammenzogen, regierte der Konsum. Die ersten schnellen und internetfähigen Computer für den Hausgebrauch kamen auf den Markt, Call by Call Internet, Handys, Computerspiele, billig produzierte Klamotten und „1 Mark“- Läden etc. Wo es nicht weh tat, lebten wir unbewusst nachhaltig. Das Auto war zu teuer, also fuhren wir Zug und Rad, Ökostrom kostete genauso viel wie der der Stadtwerke, für einen Trockner hatten wir keinen Platz, zum Klamottenshoppen war kaum Zeit. Bewusst wurden uns die Dinge erst als wir berufstätig waren, die Zeit immer knapper wurde, dagegen die Sachen, die wir besaßen, immer mehr. Das Erleben wurde weniger, die Freude an neuem Besitz immer kürzer.

Nach 12 Jahren und einer Hochzeit dazwischen zog unsere Tochter Leni bei uns ein. Sie brachte den gesundheitlichen Aspekt mit ins Spiel. Mit zwei Jahren hatte sie das erste Mal Atemnot, mit drei holten wir sie aus dem Kindergarten ab, weil sie keine Luft mehr bekam, sich erbrach und nicht mehr laufen konnte. Diagnose nach diversen Tests: Allergie auf irgendwelche Umweltstoffe. Rausfinden mussten wir sie selbst. Saß sie neben einem neuen Schrank, fing sie schon an zu röcheln. Mit einer Internistin arbeiteten wir zusammen, recherchierten viel, setzten auf natürliche Stoffe in der Einrichtung und Spielsachen. Wir waren schockiert, in wie vielen Dingen unseres Alltags Schadstoffe zu finden waren und was sie auslösen konnten. Die Situation besserte sich allmählich und ihr geht es mittlerweile gut.

Als wir kurze Zeit später in unsere kleine, gebrauchte Doppelhaushälfte umzogen, mit Kleinkind und Neugeborenen, hatten wir nicht viel Geld - aber viel Müll: Windeln, Plastikverpackungen etc. Anfangs hatten wir die größte Mülltonne, reduzierten aber zugegebenermaßen aus Kostengründen auf eine 80Liter - Tonne. Dafür hatten wir fast einen Kofferraum voll Recyclingmüll und der sollte beim Wertstoffhof auf viele verschiedene Container sortiert werden - mit Kleinkind an der einen Hand, schreiendem Säugling auf dem anderen Arm zu Arbeitnehmer – unfreundlichen Zeiten. Stress pur! Und auch keine Lösung. Recycling ist gut, Müllvermeidung ist besser!

Dann fiel mein Blick auf einen Artikel über Bea Johnson, die gerade ihr Buch „Zero Waste Home“ auf den Markt gebracht hatte. Der Jahresrestmüll ihrer vierköpfigen Familie passte in ein Einmachglas. So etwas funktionierte? Im Ernst? Wie soll das denn gehen? Ich las das Buch, mein Mann zwangsweise auch :-). Nach einigen Diskussionen kamen wir zu dem Schluss: Das kann klappen, aber vermutlich nicht so gut wie bei ihr in Amerika. Wir wollten es probieren. Ich wollte zeitgleich einen Blog (www.zerowastefamilie.de) starten und zeigen, was umzusetzen war und was nicht. Wäre es zu teuer geworden, hätten wir das Projekt abgebrochen.

Aber so kam es nicht. Nach anfänglich vielen Recherchen und sogar einem Facebookaccount (den ich mir nie anschaffen wollte, aber die Plastikfrei-Gruppen waren doch mehr als hilfreich beim Müllreduzieren), dezimierte sich der Rest- und Recyclingmüll drastisch. Nach drei Monaten stiegen wir vom Restmülleimer auf unser Gurkenglas um. Was hatte sich verändert? Wir reduzierten den Konsum, kauften weniger, dafür mehr frisch, möglichst bio, regional, unverpackt oder zur Not in recyclingfähigen (möglichst kein Downcycling) Materialien, kochten frisch, machten Dinge selbst, die wir nicht unverpackt bekamen (wir haben keinen Unverpackt-Laden in der Gegend). Zeit dafür gewannen wir, indem wir den Fernsehkonsum auf ein Minimum reduzierten und schenkten die Aufmerksamkeit lieber der Familie und Freunden, sowie der Weiterbildung z.B. in der Resteverwertung oder Fertigkeiten beim Nähen und Reparieren. Wir verschenkten und verkauften einiges aus unserem Haushalt, haben nun mehr Platz, besitzen nur noch die wirklich wichtigen Dinge und fühlen uns dadurch freier und unabhängiger. Statt zu besitzen leihen wir viel aus (Bücherei, Netzwerk), Daniel stieg für den Arbeitsweg vom Auto auf den Zug um, uvm.

Es hat sich viel verändert – zum Positiven. Wir sind sehr froh darüber, dass wir dieses Projekt gestartet haben, obwohl wir anfangs sehr skeptisch waren. Zero Waste hat uns zufriedener gemacht, uns geholfen, den Fokus auf die wichtigen Dinge im Leben zu lenken. Das ist nicht der Konsum von Dingen oder teuren Statussymbolen, für den wir Lebensqualität, viel zu viel Zeit und manchmal auch unsere Gesundheit opfern. Wir haben nicht willentlich „mit dem Brett vorm Kopf“ gelebt, aber Zero Waste zeigte uns, dass wir es taten. Aus unserem Projekt ist ein Lebensstil geworden. Schritt für Schritt gehen wir einen gar nicht so utopischen Weg – für unsere Umwelt, für unsere Zukunft, für unsere Kinder, für uns selbst.


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