Minimalismus & Zero Waste Teil 1

Ist Minimalismus die Grundvoraussetzung für Zero Waste?

Wir sind Ihnen noch diese Antwort schuldig, die wir zum Anfang unseres einjährigen Projekts "Zero Waste Familie - ein Jahr Mülldiät" gestellt haben:
Als wir anfangs hörten, dass propagiert wird, Minimalismus sei die Grundvoraussetzung für Zero Waste, dachten wir: OK, das wird wohl mit uns nicht klappen.
Vor dem inneren Auge hatten wir beim Begriff Minimalismus kahle und puristische Räume, die auf uns ungemütlich wirkten. Darin würden wir uns nicht wohlfühlen, ein No Go.

Trotzdem starteten wir das Projekt und waren gespannt, wo es uns hinführt. Wir haben u.A.   keine nutzlosen Staubfänger mehr herumstehen, haben nur noch ein Geschirrset und das in schlichtem Weiß, damit es jederzeit nachkaufbar ist.
Wir versuchten - und sind immer noch dabei - Dinge auszusortieren, die wir nicht oder selten benutzen. Wir (Erwachsenen) spendeten unsere Bücher an ein soziales Projekt und besitzen nun statt unseres mächtigen und großen Bücherregals nur noch die Kochbücher, zwei Gartenbücher und das Buch von Bea Johnson. Die Kinder haben ihre Bücher behalten. Sie werden auch regelmäßig gelesen. Wir Eltern haben gemeinsam ein Tablet, das als unser Reader fungiert. Desweiteren ist es gleichzeitig unser Radio und Stereoanlage. Wir haben keine Tageszeitung mehr oder Zeitschriften. All diese schnell konsumierten Lesewerke produzieren bei uns nicht mehr Altpapier, sondern werden bei Bedarf online gelesen.

Wir nutzen viel die Bücherei, insbesondere die Kinder - auch in Bezug auf DVDs und CDs. Wir Erwachsenen in der Familie besitzen nur noch eine DVD und haben die meisten CDs gespendet, die Kinder haben sie behalten und leihen sich Neue in erster Linie aus.
Kleine Anekdote: Als die Mama erst neulich unsere Tochter in einem Geschäft fragte, ob sie die "Bibi und Tina" - CD tatsächlich haben oder nur anhören wolle, war die Antwort: "Anhören". Das konnte sie dann auch per onleihe (digitale Ausgabe unserer Bücherei).
Den Kleiderschrank bezeichneten Journalisten als minimalistisch, das Bad ebenso. Viele würden unser Wohnzimmer auch so bezeichnen. Hier steht unser Esstisch samt Stühlen und Bank, ein Klavier und ein Sofa ohne extra Dekokissen (die schmeißen die Kinder eh immer runter, wenn  sie es als Trampolin missbrauchen). Außerdem ist eine alte Kiste, auf die wir uns setzen, um uns im Winter den Rücken am Ofen zu wärmen, zu finden. Wir haben ein "Mobile", das die Kinder zu den Jahreszeiten und Feierlichkeiten passend schmücken und an einem der Fenster haben wir auch Vorhänge. Die sollten eigentlich der Ausmistaktion zum Opfer fallen, denn wir haben Rollos und so erfüllen sie nur einen dekorativen Zweck. Dachten wir. Als sie abgehängt waren, hallte der ganze Raum. In einem Wohnzimmer, in dem geredet, gegessen und gespielt wird, samt Gästen, ist das mehr als unangenehm. Also kamen sie wieder ran. Minimalismus kann auch unpraktisch sein, auch wenn wir insgesamt ganz froh sind, nicht mehr so viel aufräumen und sauberhalten zu müssen.

Es hat sich definitiv etwas getan. Aber die Wände sind nicht kahl (die Bilder vom Kuschelopa werden geliebt), die Kinder haben mehr als genug Spielzeug und unser fiktives Büro ist nicht digital. Wir haben alles, was ging, auf digital umgestellt, von Rechnungen bis Bankauszug. Aber nicht bei allem war das möglich. Wir haben insgesamt drei Ordner mit wichtigen Dokumenten, die wir nicht eingescannt haben, um Platz zu schaffen. Erstens haben wir keinen Scanner und wollten ihn uns auch nicht leihen oder anschaffen, denn das alles einzuscannen hätte sehr viel Zeitaufwand erfordert. Wir fanden es wichtiger diese Zeit mit der Familie und Freunden zu verbringen. Wer fragt schließlich hinterher beim jüngsten Gericht, ob wir nun ein digitales Büro minimalistischer Art hatten oder nicht. Da ist es doch wichtiger, dass man für seine Lieblingsmenschen da gewesen ist...

Hauptsächlich den uns wichtigen Menschen, Tätigkeiten und Dingen wird unsere Zeit zu Teil.


Auch das kann Minimalismus sein. Wir versuchen uns auf das Wesentliche zu konzentrieren und das nicht nur beim Konsum, sondern auch, was die Zeit betrifft. Die Zeit, die wir haben, kann manchmal schneller vorbei sein, als einem lieb ist. Plötzlich kann Krankheit und Tod unerwartet aus dem Hinterhalt zuschlagen. Die letzten drei Jahre haben wir das schmerzlich miterlebt und das definitiv nicht nur bei alten Menschen, bei denen man es vielleicht abschätzen konnte. Aber gleichzeitig schaffte es auch die Erkenntnis: Carpe diem! Nutze die Zeit, die du hast! Lebe so, dass man sich im Rückblick auf das Leben nichts vorzuwerfen hat. Umgesetzt bedeutet das eine  auf das Wesentliche fokussierte Lebensweise und die Frage: Brauche ich das jetzt wirklich?
Praktisch und beispielhaft gesehen: Muss mich nun eine Fernsehsendung berieseln oder täte mir etwas Ruhe, Nachdenken, Nichtstun oder Schlaf besser? Oder eine Runde Rückentraining oder Yoga? Vielleicht aber auch ein gutes Gespräch mit Freunden, die ich auf zwei Stunden zu einem Glas Wein oder einer Tasse Tee am abend zu mir einlade? Oder Kuschelstunden mit dem Partner?
Denn: Wen interessiert es hinterher, ob man auf dem Laufenden ist, wer diese und jene Fernsehshow gewonnen hat oder ob man zeitnah! das Staffelfinale gesehen hat? Interessant ist es unter dem Strich doch, ob man ein liebenswerter Mensch gewesen ist, der für seine Freunde und Familie da war.
Ob nun das Haus picobello aufgeräumt war, den Ansprüchen von Außenstehenden entsprach oder nicht - danach fragt doch niemand hinterher.
Wird es dem eigenen Kind wichtig sein, dass es immer uptodate war in Bezug auf das neueste Spielzeug und Klamotten oder dass die Eltern Zeit für es hatten und diese auch gerne mit ihm verbrachten?
Hier stellte sich auch die grundsätzliche Frage:

An was erinnert man sich tatsächlich? Sind das Dinge oder Erfahrungen?

Es werden sicherlich einige Dinge sein, da man auch Erfahrungen damit verbindet, aber das meiste sind doch die Erfahrungen und Erlebnisse? Kann man sich an den tollen Badeanzug erinnern oder vielleicht daran, dass der Papa einen beim Schwimmen im hohen Bogen ins Wasser geworfen hat, der Opa einen Kraulen beibrachte oder man mit der kleinen Schwester Seeungeheuer im Schwimmbad gespielt hatte. Bei einer Umfrage im Freundes- und Bekanntenkreis konnte sich keiner an die Badeklamotten oder die -Tasche und das Handtuch erinnern, dafür kamen lustige Geschichten und viele Erlebnisse zur Sprache.

Können Sie sich an jedes einzelne Geschenk erinnern, das Sie zum Geburtstag bekommen haben? (Auf alten Fotos spicken gilt nicht). Klar, man kann sich nicht alles merken, aber das Gehirn filtert auch die unwichtigen Sachen raus. Und es stellt sich auch die nächste Frage: Muss es immer so viel von allem sein? Geht es auch reduzierter?
Wir haben das Gefühl, es wird immer mehr: Auf den Geburtstagen schenken nun auch die Geburtstagskinder ihren Gästen ein ganzes Säckchen voll mit kleinen Spielsachen, nicht nur Süßigkeiten, wie es früher, wenn überhaupt, üblich war. Auf manchen Arbeitsstellen bürgert es sich auch ein, dass jeder zu seinem Geburtstag ein Mittagessen ausgibt. Es spielt dabei keine Rolle, ob es ein runder Geburtstag ist oder nicht. Und die beschenkten Kollegen im Gegenzug fühlen sich verpflichtet für ca. 10 Euro pro Person gemeinsam oder einzeln ein Geschenk zu organisieren, weil es ja eigentlich nicht geht, dass nur das Geburtstagskind an seinem Geburtstag schenkt. Das war doch mal anders herum? Willkommen in der Konsumgesellschaft!
Es gibt noch ganz viele neue Rituale, die einer wachsenden Wirtschaft zuträglich sind.
Haben wir die Schnuller- und die Zahnfee erwähnt, die es seit einigen Jahren gibt? Letztere bringt mittlerweile nicht nur zum ersten Zahn, sondern zu jedem einzelnen verlorenen Zahn ein Geschenk. 
Aber nun mal Stopp mit den Beispielen! Sie kennen sicherlich genug davon! Und wenn Sie wollen, können Sie uns in den Kommentaren, per Mail oder auch auf Facebook davon berichten -  wir würden uns freuen.
Summa Summarum versuchen wir auch die Geschenkeflut zu reduzieren. Es geht nicht ums eliminieren, den Geburtstag abschaffen oder so, sondern um das bewusste Schenken. Lieber Zeit statt Zeug schenken, gemeinsam etwas erleben.
Wir haben also Dinge aussortiert, besitzen weniger, konsumieren weniger, dafür bewusster und das nicht nur in Bezug auf Gegenstände, sondern auch auf Zeit.

Aber ist das nun tatsächlich Minimalismus?


Nein, würden wir spontan sagen. Wie eingangs beschrieben, hätten wir uns  etwas anderes unter Minimalismus vorgestellt. Nachdem sich unser Restmüll aber auf nur ein kleines Gurkenglas und zwei Staubsaugerbeutel von der Renovierung des Bades innerhalb eines Jahres beläuft, könnte man sagen: Minimalismus ist nicht die Grundvoraussetzung für Zero Waste. Vielmehr bewusstes Konsumieren.
Für manche ist das, wie wir leben, aber schon Minimalismus. Die Crux ist, dieses Phänomen ist nicht genau definiert. Manche sagen, von Minimalismus spräche man, wenn die Sachen in einen Rucksack passen, manche setzen die Grenze bei 200 Dingen pro Person.
Wenn man es aber an einer Zahl festmacht, stellt sich die Frage:
 
  • Was zählt? Jedes einzelne Blatt eines Papierblocks? Jede Gabel oder zählt das als Besteck? Die Socken und Schuhe einzeln oder paarweise? Gilt das geliehene Buch auch, schließlich besitze ich es nur über einen begrenzten Zeitraum? Eigentum ist außerdem nicht gleich Besitz. Wenn ich etwas leihe oder miete, bin ich juristisch gesehen Besitzer und nicht Eigentümer. Zählt Eigentümer sein auch, obwohl ich etwas gar nicht mehr besitze, wenn ich beispielsweise eine Wohnung vermietet hätte? Zählt jede Schraube einzeln? Zählen die Dinge zum momentanen Zeitpunkt oder ein ganzes Jahr? Das kann wichtig sein. Denn ein Mensch, der viele wiederverwendbare Dinge wie waschbare Taschentücher hat, hat zu einem Zeitpunkt vielleicht gleich viel Taschentücher, wie jemand, der Wegwerfprodukte benutzt. Über das Jahr gesehen mit durchschnittlich drei Erkältungen oder bei Heuschnupfen, hat derjenige, der die Wegwerftempos nutzte, mehr verbraucht.

  • Werden die Dinge zu einem bestimmte Zeitpunkt gezählt oder die, die man in einer Zeitspanne besessen hat? Und wenn ja, wie groß ist die Zeitspanne?
  • Kann man Minimalismus überhaupt definieren?
Darum wird es demnächst in Teil 2 von "Minimalismus und Zero Waste" geben, der auf diese Fragen eingeht.
Wie definieren Sie eigentlich Minimalismus? Was ist für Sie keiner mehr?
 
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